| Silke Johanna Räbiger: Vom Freiraum
zum Mainstream. Frauenfilmfestivals und Dokumentarfilm.
Der Titel, den die Veranstalterinnen
diesem Vortrag gegeben haben, legt eine klare Entwicklungslinie
der Frauenfilmfestivals nahe. Schaut man sich die Programme
dieser Festivals an, die zahlreichen Spielfilme, die
gezeigt werden, die mehr oder weniger bekannten Namen
mit denen geworben wird, der Aufwand an Öffentlichkeits-
und Pressearbeit, all dies scheint einen Trend zum
Mainstream, zur leichten Unterhaltung, zur Anpassung
an übliche Festivalstrukturen tatsächlich
zu untermauern. Wie so oft bei dem Versuch, derartige
Prozesse zu analysieren, gerät man mit diesen
Schlagworten schnell in falsche Fahrwasser.
Die Film- und Theaterwissenschaftlerin
Renate Möhrmann sprach 1985 nicht von einem Freiraum,
den sich die Frauen mit dem Filmemachen und -zeigen
erobert hätten, sondern von einem neuen Artikulationsort .
Diesen Begriff finde ich nach wie vor treffend, denn
es ging den Frauen darum, ihre Themen nicht nur in
Artikeln, Romanen, Zeitungsmeldungen zu lancieren,
sondern tatsächlich andere Bilder von Weiblichkeit,
politischen Einstellungen, Stimmungen, die sich an
den eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnissen
orientierten, zur Diskussion zu stellen, sich ihrer
zu vergewissern und sie wenn möglich massenhaft
zu verbreiten, um darüber auch politisch Einfluß zu
nehmen und Veränderungen anzustoßen.
Das bewegte Bild vor allem im Fernsehen
hatte Ende der Sechziger Jahre noch eine ganz andere
Autorität. Der Wahrheitsgehalt von Dokumentationen
gerade im Fernsehen wurde kaum angezweifelt, die Manipulation
des Bildes wie wir es heute kennen spielte im öffentlichen
Bewußtsein kaum eine Rolle. So war es nur konsequent,
daß die Frauenbewegung zum Teil mit Unterstützung
engagierter Filmemacherinnen [und der neuen, leichter
handhabbaren Technik, erst 16mm, dann Video,] versuchte,
sich dieser so wirkungsvollen und populären Medien
zu bedienen. Die Themen, die in der Frauenbewegung
diskutiert wurden, wie gesellschaftliche und politische
Benachteiligung von Frauen, die Doppelbelastung von
Berufsausübung und Mutterschaft, die Auseinandersetzung
mit der weiblichen Sexualität betraf ja die Filmemacherinnen
in gleichem Maße wie alle anderen Frauen. Es
erstaunt daher nicht, daß sie sich auch mit diesen
Themen in ihren Filmen auseinandersetzten. Auf das
durchaus z.T. problematische Verhältnis zwischen
den Künstlerinnen und der Frauenbewegung will
ich hier nicht mehr eingehen, das ist bereits im Laufe
der Tagung deutlich zur Sprache gekommen.
Auch wenn die Frauen, die den Anfang
der sogenannten Frauenfilmbewegung in den 60er und
70er Jahren legten, nicht durchweg als Sprachrohr der
Frauenbewegung gesehen werden können, so hatten
sie mit der Umsetzung einiger ihrer Filmprojekte erhebliche
Probleme: frauenspezifische Themen hatten in der öffentlichen
Darstellung keine Lobby, im Gegenteil: immer wieder
wurde versucht, die Diskussionen hierüber als
irrelvant und politisch nicht an der Tagesordnung zu
marginalisieren.
Gerade die Filme, die im unmittelbaren
Kontakt mit der Frauenbewegung entstanden, z.B. Dokumentationen über
ihre Aktionen und Diskussionen, aber auch Spielfilme,
die den Alltag der Frauen zeigten, sahen sich immer
wieder der Kritik ausgesetzt, nicht mit den allgmeinen
künstlerischen und ästhetischen Anforderungen
standhalten zu können.
Später fanden dann diese Filme
ihren Platz auf den verschiedenen Frauenfilmveranstaltungen.
Ich habe mich noch einmal umgehört und in diverse
Kataloge geschaut: bei den Frauenfilmfestivals liegt
der Anteil der gezeigten Dokumentarfilme über
die Jahre hinweg so um die 30%, daran hat sich auch
in letzter Zeit nicht viel geändert.
Aber noch einmal zurück zu der
Frage des Freiraumes. Sicherlich haben sich die Frauen
mit den Festivals, Seminaren und Frauenfilmtagen Orte
geschaffen, die überhaupt erst eine gemeinsame
Begegnung und Kommunikation ermöglichten, aber
so ganz freiwillig war das ja nicht. Es geschah aus
der Not heraus, nicht anerkannt zu werden, keinen Ort
zu haben, wo Diskussionen über Filmtheorie oder
die sehr beliebte Debatte über weibliche Ästhetik
jenseits der Hochschulen geführt werden konnte.
Das Dilemma des damaligen
Filmschaffens von Frauen macht ein längeres Zitat
von Helke Sander von 1978 deutlich: wenn
man dann noch berücksichtigt, daß frauen
vielfach mit sujets kommen, die in ihrer konsequenz
aus einer bewegung gekommen sind, die wiederum von
der herrschenden öffentlichkeit ignoriert oder
bekämpft wird, dann kann man sich so ungefähr
darüber eine vorstellung machen, wie es im vorfeld
der produktionen, also da, wo die entscheidungen über
finanzielle mittel fallen, zugeht. beispiele sind dafür
fast alle arbeiten, die aus den §218-kampagnen
hervorgegangen sind, weil die politischen forderungen
der frauenbewegung faktisch in den öffentlichen
medien nicht in aller ausführlichkeit auch theoretisch
begründet werden konnten. daraus entstanden dann
die halbprofessionellen arbeiten, von denen ich schon
sprach, die oft formal sehr arm sind. diese aus der
not geborenen arbeiten führen wie gesagt dann
in definitionen über den feministischen film zu
schlußfolgerungen, dergestalt, daß gesagt
wird, fiministischer film sei in erster linie am dokumentarischen
interessiert und mißtraue der macht der fantasie'.
in diesen auseinandersetzungen sind aber auch noch
andere ästhetische reibungspunkte angesiedelt.
die frauenbewegung hat ganz materialistisch und einfach,
bei sich, am eigenen körper, angefangen und von
daher rechtlosigkeit und fremdbestimmtheit aufgedröselt.
in vielen dieser filme spielen nun nackte körper
und geschlechtsteile eine rolle, die nicht mehr zu
dem zweck gefilmt sind, erotische gefühle im mann
zu wecken oder geschlechtsneutral oder medizinisch
funktional zu sein, sondern aufnahmen von weiblichen
körpern zu dem zweck, die frauen in die weißen
gebiete unerforschter subjektivität zu führen.
weil ein weibliches geschlechtsteil sofort mit pornografie
assoziiert wird und daher aus den öffentlichen
medien verbannt ist, lassen sich die kollisionen vorstellen,
die durch derartige sujets mit den rahmenrichtlinien öffentlicher
sendeanstalten entstehen, die eindeutig verbieten,
dinge zu zeigen, die gegen das sittengesetz verstoßen
oder ehe und familie grundsätzlich infragestellen,
was aber eine grundlage der arbeit der gesamten frauenbewegung
ist. (FuF 15/'78,
zitiert aus G. Koch: Ein Reich authentischer Bilder. In: medium 12/78, S. 40)
In der Rückschau wird klar, daß sich
wahrscheinlich viele Verantwortliche in den Medien,
und dabei handelte es sich sicherlich nicht nur um
Männer, von dieser neuen Art der Bilder überrumpelt
und angegriffen fühlten. Die Absolution, sich
mit ihnen nicht auseinandersetzen zu müssen (
natürlich auch emotional) fanden sie auf einer
scheinbar objektiven der formalen Ebene. Offenbar
ist es diesen Filmen und Bildern gelungen, eine so
tief sitzende Angst auszulösen, daß wir
als Frauenfilmfestivals nach wie vor von dem unausrottbaren
Klischee profitieren, hier werden nur Filme gezeigt,
die Frauen interessieren könnten. D. h. im Klartext,
eure Festivals sind für Männer, nämlich
diejenigen die etwas von Qualität verstehen, langweilig.
In diesem Zusammenhang bin ich persönlich sehr
gespannt auf die Retrospektive, die anläßlich
des 25. Geburtstages der FuF in verschiedenen Städten
gezeigt werden wird. Ich bin mir sicher, daß einige
der damals so verschmähten Filme uns heute inhaltlich
wie formal immer noch etwas zu sagen haben.
Doch zurück zur Geschichte der
europäischen Frauenfilmfestivals und deren Entwicklung:
Ich beziehe mich im folgenden stellenweise auf eine
Veranstaltung und die dazuerschienene Broschüre ...es
kommt darauf an, sie zu verändern, die im
September 1997 im Kino Arsenal in Berlin stattfand
und nach vielen Jahren die Möglichkeit bot, unter
Beteiligung internationaler Gäste eine Standortbestimmung
des feministischen Films zu versuchen. Dies geschah
in dem Kontext der Neusichtung von Filmen aus den 70er
Jahren und neuerer Filmproduktionen von Immigrantinnen
und Filmemacherinnen, die in der 2. Generation in Deutschland
leben . Kompletiert wurde diese sehr spannende Diskussion
durch die Vorstellung der Konzeptionen von fünf
europäischen Frauenfilmfestivals.
Ich will hier nur einige wenige Zahlen
und Fakten nennen, die aber doch ein bezeichnendes
Licht auf die damalige Situation werfen. Die erste
große Veranstaltung in diesem Zusammenhang in
der BRD war das Filmwochenende 1973 in Berlin. Hier
ist der Ausgangspunkt vieler Frauenfilminitiativen,
Seminare und nicht zuletzt auch der der deutschen Frauenfilmfestivals
zu finden.
Wichtig ist es noch einmal festzustellen,
daß es zum damaligen Zeitpunkt noch keinerlei
Netzwerk für Filmschaffende Frauen gab und dennoch
ist es Helke Sander und Claudia von Alemann gelungen,
249 Frauen im ARSENAL in Berlin zu versammeln und 45
Filme aus sieben Ländern zu zeigen.
1974 dann das erste
Frauenfilmfestival in Paris: dort wurden damals
bewußt noch ohne wertende Auswahl 150
Spiel-, Dokumentarfilme und Videos von Frauen gezeigt.
Vorläufer waren die Frauenfilmfestivals 1972 in
New York und 1973 in Toronto, Edinburgh und London.
Anläßlich eines Berichtes über das
Festival in Paris greift Helke Sander in Frauen und
Film 1974 die auch heute immer noch oft gestellte Frage
auf: ...
wozu solche Frauenfilmfestivals gut sein sollen, ob
sich Frauen dadurch nicht selber wieder in ein Ghetto
bringen, ob nicht ein Frauenfilmfestival die gleichen
Funktionen hat wie eine Frauenseite in einer Zeitung.... (...es kommt darauf
an, sie zu verändern,
Arsenal Berlin 1997, S. 17)
Sie kommt zu dem Schluß,
daß diese Art von Festivals eine Alternative
zu dem gängigen, kommerziell erfolgreichen Kino,
in dem Frauen eine Rolle nur in Bezug auf das, was
sie für den Mann bedeuten darstellen. Und sie
führt weiter aus: Frauenfilme
dagegen zeigen quasi zwangsläufig Frauen als Subjekte,
als Menschen mit eigener Identität, mit eigenen
Konflikten. ("... es kommt darauf
an, sie zu verändern,
Arsenal Berlin 1997, S. 18)
Ich denke, diese Aussage ist für
unseren heutigen Zusammenhang besonders reizvoll, weil
sie die zwei Seiten der Medaille Frauenfilmfestivals
deutlich macht. Einerseits ist die Subjektwerdung der
Frauen sicherlich vollzogen, wenngleich nicht beendet.
Andererseits gilt nach wie vor, daß Frauenfilmfestivals
eine Alternative zum herkömmlichen Kino- und Festivalbetrieb
darstellen, wenn auch vielleicht nicht mehr in der
Radikalität wie Helke Sander es sich 1974 wünschte,
denn in dem besagten Artikel bezeichnete sie, Frauenfilmfestivals
als eine Kampfform gegen das etablierte Kino.
Als Kampfform habe ich die Frauenfilmfestivals
nie verstanden, auch wenn auf ihnen in früheren
Jahren oft erbittert gestritten wurde. Und dennoch:
das Vorurteil, auf diesen Festivals würden lediglich
Filme von Frauen für Frauen gezeigt, hält
sich so hartnäckig wie der häufig benutzte,
aber fatal mehrdeutige Begriff des Frauenfilms.
Der einzige Umgang mit diesem Begriff, so scheint mir,
ist seine konsequente Vermeidung. Sicher dies ist immer
wieder etwas umständlich, aber wir haben ja schließlich
auch gelernt, Filmemacherinnen und Filmemacher zu sagen,
warum sollen wir uns nicht die Mühe machen und
Filme von Frauen, feministische Filme oder Filme über
Frauen als solche zu benennen. Auch bei femme totale
hat es immer wieder Debatten um diese Begrifflichkeit
und um die Frage gegeben, wieweit sich ein Frauenfilmfestival
dem Publikumsgeschmack anbiedern darf,
wenn man es einmal böse formuliert. Zwischenzeitlich
wurde das FrauenFilmFestival mit drei großen F's geschrieben,
um die einzelnen Bestandteile des Festivals deutlich
zu machen, mittlerweile heißt es in den offzillien
Festivalmaterialien nur noch Int. Filmfestival femme
totale. Es ist eine schwierige Gratwanderung zwischen
Kunst und Kommerz. Doch nach wie vor steht bei uns
der experimentelle Film neben dem Dokumentarfilm oder
dem großen Spielfilm, denn wir sind und verstehen
uns weiterhin als Frauenfilmfestival und dies ist in
der Filmszene ein eindeutiger Begriff geworden, allerdings
signalisiert er in der allgemeinen Öffentlichkeit
immer wieder, dies ist ein Festival von und für
Frauen mit dieser Auseinandersetzung wollen
wir aber keine Zeit mehr verlieren. Wir wollen über
die spannenden Inhalte, die interessanten Filmemacherinnen,
die neuen Entdeckungen in der Filmgeschichte sprechen
und das alles sollen möglichst viele Menschen
sehen und wahrnehmen. Den Schwerpunkt unserer Arbeit
signalisiert der Name und der Blick in den Katalog,
das muß heute m.E. reichen.
Das Anliegen aller Frauenfilmfestivals
war und ist es, den filmischen Arbeiten von Frauen
ein Forum zu geben, ihnen zunächst den Freiraum
/ die Möglichkeit zuzugestehen, daß diese
Filme unvoreingenommen, neugierig und unbelastet von Überlegungen
kommerzieller Verwertbarkeit gesehen und diskutiert
werden konnten, das ist übrigens auch der Vorteil
eines Festivals ohne Wettbewerb, obwohl ein solcher
für Filmemacherinnen selbstverständlich immer
interessant ist.
Es gab hier wie in der Frauenbewegung
zunächst das Bedürfnis der Standortbestimmung,
der Selbstvergewisserung. Die Erfahrung, daß dieses
Unterfangen auch Erfolge beim Publikum hatte, machte
die Organisatorinnen der Festivals selbstbewußt
und führte in der Folge auch zu einer gewissen
Emanzipation von tagesaktuellen Auseinandersetzungen
der Frauenbewegung. Ich kann es am besten für
unser Festival formulieren: es gab irgenwann einmal
einen Punkt, da fühlten wir uns eher der Film-
und Festivalszene zugehörig als der Frauenbewegung.
Das war sicherlich kein Bruch, eher ein fließender Übergang,
der uns von vielen Frauen auch übel genommen wurde.
Dennoch, denke ich, war diese Umorientierung notwendig,
denn Filmemacherinnen sind nicht nur Chronistinnen,
sie sind in erster Linie Künstlerinnen und ich
denke, das ist die Aufgabe aller Festivals: den Filmen
und ihren MacherInnen die bestmögliche Präsentation
ihrer Werke zu ermöglichen. Dieses zu tun, bedeutet
nicht, die inhaltliche Diskussion und das Engagement
für Frauen aufzugeben, beides ist gleichermaßen
wichtig. [Ich denke die Organisatorinnen der Frauenfilmfestivals
sollten auch dahingehend selbstbewußter werden,
daß sie stärker Verleiher auf ihr Festivalprogramm
aufmerksam machen, denn vieles was hier gezeigt wird,
war zwar schon auf anderen Festivals zu sehen, ist
aber in Nebenreihen oder dem Markt einfach untergegangen hier
gilt es, noch engagierter zu arbeiten]
In €pa gibt es nach unserem Wissensstand
mittlerweile 17 Frauenfilmfestivals, dazu gehören
die 3 Lesbenfilmfestivals in Paris, Bologna und Berlin;
wir haben bewußt die Schwul/lesbischen Festivals
nicht mitgezählt, obwohl es natürlich auch
zu denen Kontakte gibt.
Vor zwei Jahren im Herbst 1997 haben
wir das erste Mal diese Festivals nach Dortmund eingeladen.
Zum Teil um einander kennenzulernen, aber auch um über
Zusammenarbeit und gemeinsame Projekte zu beraten.
Die Festivals unterscheiden vor allem
in ihrer Größe und ihrer finanziellen Ausstattung
oder in ihrer thematischen Ausrichtung voneinander.
Viele von ihnen müssen mit einem sehr kleinen
Etat und fast ausschließlich auf ehrenamtlicher
Basis arbeiten. So ist es nicht erstaunlich, daß gerade
die kleineren Festivals nach einigen Jahren ihre Arbeit
aufgeben müssen. Das geschieht meistens dann,
wenn diejenigen, die die Festivals aufgebaut haben,
sich beruflich umorientieren. Nur auf ehrenamtlicher
Basis ist ein Filmfestival egal welcher Größe über
Jahre hinweg nicht zu organisieren, umso wichtiger
erscheint mir die finanzielle Absicherung der Mitarbeiterinnen.
Dabei geht es nicht nur um den Lebensunterhalt der
Frauen, die Kontinuität der Arbeit ist wichtig,
es geht um Kontakte und vor allem um ein funktionierendes
Netzwerk. Das ist es nämlich, was uns viele unserer
männlichen Kollegen voraushaben.
Diese Kooperation war auch das zentrale
Anliegen, das femme totale bei der ersten Konferenz
der Frauenfilmfestivals in €pa verfolgte. Wir
sind zusammen mit der Feminale aus Köln und dem
Festival de Films de Femmes aus Créteil Mitglied
in der Europäischen Koordination der Filmfestivals.
Diese Koordination speist sich aus europäischen
Geldern und Mitgliedsbeiträgen. Die Frauenfilmfestivals
haben dort eine Arbeitgruppe Frauen und Film
in €pa eingerichtet und seit zwei Jahren
erhalten wir DM 10.000 jährlich für diese
Arbeit. Mit diesem Geld haben wir eine Homepage gleichen
Namens eingerichtet. Hier finden sich neben den Adressen
der Frauenfilmfestivals, Links zu frauenrelevanten
Archiven, Hochschulen etc.
Derzeit sind wir dabei, eine Datenbank
aufzubauen, die sich zunächst einmal auf die Archive
der Frauenfilmfestivals in €pa stützen soll.
Unser Ziel ist dabei, daß Stück für
Stück auf dieser Homepage alles, was für
den Bereich Frauen und Film interessant
sein könnte, versammelt wird und wir auf diese
Weise den Fundus, den wir seit Jahrzehnten gemeinsam
und doch immer wieder jede für sich allein aufgebaut
haben, zugänglich und handhabbar machen. Manchmal
bin ich erstaunt über all die Informationen, die
bereits dort versammelt sind, manchmal denke ich, es
war eine größenwahnsinnige Idee. Trösten
tun wir uns mit dem Wissen, daß diese website
ja doch nie fertig werden wird, sondern hoffentlich
immer weiter wächst.
Ich habe das deswegen so ausführlich
erzählt, weil ich es für sehr wichtig erachte,
daß wir Frauen erstens in Organisationen auf
Bundes- oder auch €paebene aktiv sind, und daß wir
dort auch Gelder für unsere Zwecke aktivieren
und zweitens, daß wir selbstbewußter unseren
Platz in der Festivalszene einnehmen, um tatsächlich
ein attraktiver Ort für die Filmemacherinnen zu
sein.
Ist das nun ein Plädoyer für
die Hinwendung zum Mainstream? Ich denke nicht. Ich
glaube viel eher, daß die Frauenfilmfestivals
die Entwicklung der Filmemacherinnen dahingehend begleiten,
daß sie die vielfältigen, sich verändernden
Formen des Filmes präsentieren, sei es der dokumentarisch
wirkende Spielfilm, wie beispielsweise der wunderschöne
neue Film von Claire Denis, Beau Travail (Berlinale
2000), oder aber der von seiner Dramaturgie fast an
Kriminalfilm erinnernden Dokumentarfilm Ohne Bewährung
von Aelrun Goette (Leipzig 1998), seien es Dokusoaps,
Filme im lesbischen Kontext oder Filme, die die Genderfrage
in den Mittelpunkt stellen das Spektrum ist
erfreulich breit, die starren Grenzen sind über
Bord geworfen worden, es wird wieder stärker nicht
nur formal auch inhaltlich experimentiert.
Auch wenn die direkte Verbundenheit
zwischen Filmemacherinnen und politischen Bewegungen
heute nicht mehr existiert und wohl so idealtypisch
auch nie gewesen ist, so ist der Dokumentarfilm, bei
aller Diskussion um seine erwähnten Inszenierungsmöglichkeiten,
eine Art, sehr nahe und unmittelbar über Menschen
und Ereignisse zu berichten und damit ein verhältnismäßig
großes Publikum zu erreichen, zumal viele der
Filme mit Mitteln des Fersehens gedreht werden und
somit bereits vor der Produktion mit einem festen Sendetermin
rechnen können.
Nach wie vor hat der Dokumentarfilm
aber seine Wichtigkeit bei der Darstellung und Aufarbeitung
politischer Ereignisse nicht verloren und da habe ich
vor allem die politischen Belange von Frauen im Kopf.
Ich denke an die jährlichen Länderfilmreihen,
die das Frauenfilmfestival in Créteil / Paris
durchführt und dort gerade Frauen aus den armen
Ländern dieser Erde die Möglichkeit eröffnet,
ihre Filme zu präsentieren.
Einen ganz wichtigen Film habe ich in
diesem Zusammenhang auf der Berlinale 2000 im Forum
gesehen The long journey through the Night into the
Day von Deborah Hofmann und Frances Reid über
die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission
in Südafrika. Er wird, wie die Filmemacherinnen
berichteten, auch eine verhältnismäßig
breite Fernsehauswertung erfahren. Oft bleiben aber
diese politisch engagierten Dokumentarfilme der Präsentation
auf den Festivals oder dem Einsatz innerhalb von Kampagnen
vorbehalten. Wie z. B. die Dokumentarfilme, die sich
mit der Aufklärung über Genitalverstümmelung
von Frauen in vielen Teilen der Welt beschäftigen.
Und das müssen in der Form nicht nur arme Filme
sein, von denen Helke Sander sprach, ich will hier
nur Warrior Marks von Pratibha Parmar nennen.
Mag sein, daß gerade hier auch
die gewachsene Bedeutung der Festivals liegt, denn
viele der Frauenfilmfestivals machen auch jenseits
ihrer Festivals Sonderprogramm oder beteiligen sich
wie femme totale am Programm von Kommunalen Kinos,
dort sind dann Dokumentarfilme keine Seltenheit.
Weder Freiraum noch Mainstream ist das
Chrakteristikum der Frauenfilmfestivals heute. Ich
denke sie laufen eher Gefahr in die Ecke abgedrängt
zu werden, wenn sie sich nicht weiter professionalisieren
im Interesse der Filmemacherinnen und ihrer Filme.
Klar, ist es oft schwer, vor allem wenn die Anerkennung
versagt wird, aber die Zeit des verbissenen Kämpfens
ist vorbei, Zähigkeit, Witz und eine gute Portion
Selbstironie sind oft hilfreicher. |