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Natalie Kreisz: Blicke wechseln – Positionen bestimmen

Ein Treffen der Generationen. Die Tagung sollte ein Forum für alle am Dokumentarfilm Interessierten bieten, generationenübergreifend ins Gespräch zu kommen. Auf den verschiedenen Podien wurden Fragen nach dem Wandel der Themen und der Ästhetik im dokumentarischen Arbeiten gestellt – insbesondere in den Filmen von Frauen. Neben einer Rückschau sollten aktuelle Veränderungen thematisiert werden. Die allgemeinen Produktionsbedingungen und Trends der Branche nahmen dabei großen Raum ein.

Schwieriger schien es, den direkten Blickwechsel von erfahrenen Filmemacherinnen und dem Nachwuchs konstruktiv in Szene zu setzen.

Im folgenden fasse ich die ersten beiden Podien der Tagung zusammen, da hier sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Differenzen zwischen den Generationen besonders deutlich wurden.

Das erste Podium Take off bot vier Newcomerinnen im Dokumentarfilm die Möglichkeit, sich vorzustellen. Martina Döcker, Sabine Hackenberg, Carola Noelle Hauck und Julia Novak haben jeweils einen ersten langen Dokumentarfilm realisiert. Gefragt wurde nach dem eigenen Arbeitsansatz und der Haltung zum Dokumentarfilm. Keine der Podiumsteilnehmerinnen war explizit auf Dokumentarfilm fixiert. Sie waren sich aber darin einig, daß im Dokumentarfilm momentan eine größere Freiheit bezüglich der Themenwahl und der Gestaltung besteht. Dies u. a. deshalb, weil die Budgets signifikant kleiner seien als im fiktionalen Bereich. Freiheit und Unabhängigkeit beim Arbeiten war ihnen allen besonders wichtig. Dennoch wirkte der Enthusiasmus für die filmische Arbeit etwas gebremst – sei es aufgrund von Orientierungslosigkeit in der explodierenden Medienlandschaft, sei es augrund von nüchterner Einschätzung der Produktionsbedingungen. Martina Döcker fragte gleich in der Vorstellungsrunde nach dem Gedächtnis der Branche. Da hat man einen ersten Film gemacht, ist als Newcomerin vielleicht auch unterstützt worden – und dann?

Carola Hauck überraschte mit ihrem Statement, helfen zu wollen. Die ehemalige Medizinstudentin will nun als Filmemacherin der kranken Gesellschaft helfen. Sie will aufklären, die Systeme transparent machen, in denen wir eingebunden sind, anderen die Augen öffnen. Sie sagte es lachend und meinte es ernst.

Solche Statements erinnerten eher an den gesellschaftspolitischen Impetus der Filme der 70er Jahre. Obwohl sie mit dieser Art von knackigen Thesen allein blieb, beklagten auch die anderen Regisseurinnen eine grassierende Oberflächlichkeit im Film ganz allgemein. Sabine Hackenberger bedauerte, daß dergleichen auch an den Filmhochschulen zu beobachten sei. Als seicht und unpolitisch bezeichnete sie das Gros der Studierenden, die die Inhaltsleere mit Technik zu kompensieren versuchten. In Filmen von früher suchten einige nach Tiefgang und Message. Einen Dozenten der Filmakademie Ludwigsburg zitierend fügte sie hinzu: „Früher wurden Filme gemacht, weil die Leute etwas wollten, heute werden Filme gemacht, weil’s halt Spaß macht.“ Sabine Hackenberg war der Meinung, wenn man schon die Medien benutze, dann sollte man auch etwas sagen wollen. (Leider kam nicht zur Sprache, auf welche Filme die jüngeren FilmemacherInnen sich beziehen, die ihnen als Vorbilder dienen oder Tiefgang versprechen.)

Carola Hauck störte sich an zuviel „sollte man“, weil es ihrer Ansicht nach in der enorm großen Medienlandschaft genug Platz für alle gebe, also auch für die, die Lust auf Mainstream haben. Dogmen oder Regeln, wie Sabine Hackenberg sie in den Raum stellte, führten ihrer Ansicht ins Leere. Carola Hauck war optimistisch und behauptete, die Oberflächlichkeit der Spaßkultur sei eine Zeiterscheinung und gehe auch wieder vorüber. Als Autor und Regisseur setze sich letztlich nur durch, wer weiß was er oder sie will.

Julia Novak kam noch einmal auf die früheren Filme zurück und bemerkte, daß sie bei vielen schlicht das Filmische, die Ästhetik vermisse. Eine Teilnehmerin aus dem Publikum antwortete darauf, daß eine Stimmigkeit zwischen Form und Inhalt zwar anzustreben sei, daß Fehler in der Form aber akzeptabel, inhaltliche Fehler dagegen unentschuldbar und reine Formspielereien gar inakzeptabel seien. Dem setzte die Kamerafrau Sophie Maintignieux ein Plädoyer für die Bildsprache entgegen. Sie appellierte an die Dokumentarfilmerinnen, insbesondere die jüngeren, den Dokumentarfilm als Sprache zu verstehen und nach einer individuellen, dem jeweiligen Thema angemessenen Ausdrucksform zu suchen. Wichtig sei dabei vor allem der Respekt gegenüber den Menschen und Dingen vor der Kamera: Der Respekt vor den Bildern. Gerade in Zeiten eines inflationären Umgangs mit Bildern, die am laufenden Band produziert würden, forderte sie dazu auf, immer wieder neu die Frage zu stellen, was es bedeute, ein Bild und einen Film zu machen. Sie war der Meinung, man könne keine rein inhaltlichen Filme machen. Es gehe nicht darum, nur zu nehmen, sondern auch zu geben. Über die filmische Form, die Bildgestaltung werde der Respekt deutlich, der den Menschen vor der Kamera entgegen gebracht wird. Sie forderte die Dokumentaristinnen auf, nicht nur Zeuginnen zu sein.

Die so genannte Geschlechterfrage kam erst gegen Ende des Podiums zur Sprache. Carola Hauck war wiederum diejenige, die sich am provozierendsten dazu äußerte. Die Geschlechterfrage habe sie schon immer genervt und wütend gemacht. Irgendwann habe sie dann verstanden, daß die Wut und der Trotz nirgends hin führe und daß es im Prinzip reine Einstellungssache sei, ob man sich für ein Opfer halte oder eben nicht. Sie verkündete, wir Frauen seien nicht nur Opfer und das Ergebnis irgendwelcher Umstände, sondern auch Täter bzw. wir seien „einfach nur wir selber“. Die Zeit sei reif, „sich einfach das zu nehmen, was wir wollen und benötigen“. Erfrischende Statements, die jedoch kaum Reaktionen auslösten. Schließlich merkte sie selbst an, ihr sei klar, daß ‘einfach’ natürlich nicht so einfach sei, aber wenigstens die Richtung vorgebe.

Auf die Frage, ob das ‘Frau-sein’ für die Newcomerinnen bei der Wahl ihrer Themen eine Rolle spiele, antwortete Sabine Hackenberg schlicht mit ‘nein’. Carola Hauck drückte sich vorsichtiger aus und meinte, daß es nicht im Vordergrund stehe, als Thema aber präsent und für sie persönlich wichtig sei. Eine Rolle spiele es indirekt für die Machart ihrer Filme, in den von ihr gestellten Fragen und hinsichtlich des Blicks, mit dem sie an ihr Thema herangehe. Martina Döcker formulierte es theoretischer. Sie treffe die Auswahl ihrer Themen aufgrund ihrer individuellen Vorlieben und Interessen, trotzdem komme der marxsche Nebenwiderspruch immer wieder auf. Die eigene Identität könne nun mal nicht von der geschlechtlichen Identität getrennt werden. Und sie präzisierte, daß die Wahl der Themen, die Machart und die Fragestellung von ihrer weiblichen Identität bestimmt werde und sie diktiere auch die Form.

Anschaulich wurde das an konkreten Beispielen: Carola Hauck erzählte, daß sie bei der Wahl ihres Diplomfilms zunächst an ein ‘Frauenthema’ gedacht habe. Die Angst vor zu vielen Steinen, die ihr dabei von Seiten der Filmakademie in den Weg gelegt würden und die zu erwartende Neckerei von Kommilitonen und Dozenten habe sie dann aber nicht ertragen. Dennoch habe schließlich ihr persönlicher Blick – der eine andere, weibliche Wahrnehmung der Realität zeige – den Diplomfilm Tisch Nr. 6 geprägt, der Medizinstudenten während ihres Anatomiesemesters beim Sezieren einer Leiche beobachtet und begleitet. Als Beispiel für einen geschlechtsspezifischen Unterschied im Blick auf das Geschehen vor der Kamera beschreibt sie folgende Situation beim Dreh: Geplant war, die Gesichter der umstehenden männlichen Studenten beim Präparieren des Penis der Leiche zu filmen. Der Kameramann war jedoch der Ansicht, daß das nicht aussagekräftig sei und weigerte sich. Carola Hauck war sich dessen aber sicher. Denn als sie selbst noch Medizinstudentin war und in eben jener Situation am Seziertisch stand – als einzige Frau in einer Gruppe von männlichen Studenten – da wollte keiner außer ihr den Penis präparieren. Die Situation habe sie als noch angespannter und prekärer empfunden als sonst. Diese Erfahrungen hätten ihr erst die Tragweite dieser Art von Tabu bzw. der Verletzung von Tabus und die Unterschiedlichkeit in der Wahrnehmung verdeutlicht.

Die ehemalige Redakteurin Sibylle Hubatschek-Rahn im Publikum freute sich besonders über dieses Beispiel. Sie erzählte, daß sich vor dreißig Jahren fast die gleiche Geschichte abgespielt habe. Damals weigerte sich der Kameramann beim Dreh von Jutta Brückners Film Hungerjahre, eine blutige Damenbinde zu filmen.

Am Beispiel eines Films aus der Ukraine machte Martina Döcker deutlich, wo sie noch immer Parallelen in den Kämpfen und Erfahrungen von Frauen unterschiedlichster Generationen sieht. Der Film heißt Barrieren und wurde 1998 von Tatjana Kalutschina gedreht. Er handelt von einer Tochter, die ihr Zuhause verlassen und nach Kiew auf die Filmhochschule gehen will. Ihre ständig essende, sehr dicke Mutter versteht nicht, warum ihre Tochter nicht bleibt, wo sie doch alles hat, was sie braucht. In dieser Geschichte zeigte sich für Martina Döcker der Zwang, sich als Frau immer noch für das eigene Tun zu rechtfertigen, wenn es von althergebrachten Mustern abweicht. Erkennbar werde in diesem Film außerdem das besondere Maß an Selbstvergewisserung, das für Frauen immer noch notwenig sei, weil es trotz all der Kämpfe diesbezüglich noch an Selbstverständlichkeit mangele.

Kurz angesprochen wurde auch der Terminus ‘Frauenfilm’. Julia Novak berichtete von den negativen Erfahrungen, die ihr das Etikett eingetragen hätten, wenn sie davon spreche einen Film über Frauen gemacht zu haben. Ihr Folgeprojekt hingegen, das den Palast der Republik in Berlin zum Gegenstand hat, sei als Filmthema immer auf Interesse gestoßen.

Den Jüngeren, die das Etikett ‘Frauenfilm’ als Makel und Stigma zu betrachten schienen, gaben Frauen wie Hanna-Laura Klar, die seit dreißig Jahren Filme macht, kontra (auf dieser Tagung wurde einer von Klars Filmen, Das schwache Geschlecht muß stärker werden, gezeigt). Sie habe keine Probleme mit dem Etikett und fühle sich aufgrund einiger ihrer Filme, die zu den sogenannten ‘Frauenfilmen’ zählen, nicht ins Abseits gestellt. Die Angst vor dem Frauenghetto sei eine Projektion. In eine ähnliche Richtung ging der Beitrag einer Kamerafrau des SWR, die sich selbstbewußt zu den Bestbezahltesten ihrer Branche zählt und versichert, daß der eigene Einsatz und Anspruch sowie die damit verbundenen Forderungen auch die entsprechende Anerkennung mit sich brächten.

Schließlich endete das Podium mit der Forderung nach Frauennetzwerken und mehr Frauen in Gremien und Entscheidungspositionen. Die erfahrene Redakteurin Sibylle Hubatschek-Rahn war der Meinung, daß es ein schrecklicher Anspruch sei, bewußt ‘als Frau’ Filme machen zu wollen. Jeder müsse die Filme machen, die er meint, machen zu müssen. Nichtsdestotrotz spreche sie sich in den Redaktionen, Fördergremien und Komissionen ausnahmsweise für eine Quote aus: 50% Frauen sollen dort vertreten sein. Sie war der Ansicht, daß jede Frau – egal welcher politischen und ideologischen Couleur – mit einem anderen Bewußtsein und einer anderen Wahrnehmung als ihre männlichen Kollegen an die Arbeit ginge. Die Moderatorin Gabriele Goebel bekräftigte den Aufruf nach mehr Netzwerken mit Ergebnissen aus der Karriereforschung, die belegten, daß Netzwerke und Beziehungen ca. 80% der Karrierechancen ausmachten.

Auf dem zweiten Podium begegneten sich Filmemacherinnen zweier Generationen. Eingeladen waren zwei Professorinnen, Helke Sander (HfbK Hamburg) und Claudia von Alemann (FH Dortmund), die freie Dozentin Dorothea Neukirchen und zwei Filmstudentinnen, Maike Höhne (HfbK Hamburg) und Nic Nagel (Filmakademie Baden-Württemberg). Gefragt werden sollte u. a. danach, welche Unterschiede bzw. Veränderungen sich in Bezug auf Inhalt, Ästhetik und Praxis des Filmemachens ergeben haben und wie sich das an nachfolgende Generationen vermitteln läßt. Welche Ansprüche treffen heute an den Hochschulen in der Begegnung von Studentinnen und Professorinnen aufeinander?

Zunächst aber sorgte der Podiumstitel Vorbilder oder Schreckbilder? für größten Unmut bei den angesprochenen Professorinnen. Helke Sander stellte gleich zu Beginn fest, daß sie eigentlich gar nicht habe teilnehmen wollen, weil sie es für absurd halte, über sich selbst als ‘Schreckbild’ oder auch als ‘Vorbild’ zu diskutieren. Sie überließe das denjenigen, die möglicherweise unter ihr litten. Auch Claudia von Alemann war der Meinung, man müsse entweder verrrückt oder sehr arrogant sein, wenn man sich selbst als Vorbild sähe. Das sei psychisch unmöglich. Helke Sander machte außerdem deutlich, daß sie nicht als ‘die Alte’ funktionalisiert werden wolle, die nur Film mache, um etwas für Frauen zu tun. Das sei nie ihr Interesse gewesen. Sie habe immer nur ihre Filme machen wollen, wie jeder andere Filmemacher auch. Beide Regisseurinnen wiesen verärgert darauf hin, daß es wohl niemals eine Konferenz über und mit männlichen Professoren unter einem solchen Titel gäbe.

Derartige Funktionalisierungen, Beleidigungen oder Unterstellungen waren keineswegs die Intention dieses Podiums. Das hätte wohl deutlicher hervorgehoben werden sollen bzw. mit einem weniger provozierenden Titel vermieden werden können. Ausgangsposition war folgende: Der Filmnachwuchs trifft heute auf hochkarätige Filmemacherinnen, deren Arbeit die deutsche Filmgeschichte beeinflußt hat und die zudem als engagierte Frauen maßgeblich an der politischen Auseinandersetzung und Entwicklung dieses Landes beteiligt sind. Möglichkeiten der direkten Begegnung und Auseinandersetzung mit weiblichen Vorbildern hatte es für die ehemaligen Filmstudentinnen Helke Sander und Claudia von Alemann nicht gegeben. Dieser Mangel hat sie dazu veranlaßt, für Veränderungen dieser Situation zu kämpfen. Ein Ziel unter vielen anderen, das sie sich gesteckt und nun tatsächlich auch erreicht haben.

Wie stellt sich das heute in der Praxis dar? Denkbar wäre ja ein produktiver Austausch, der sich aus der Begegnung bzw. Konfrontation entwickelt und im besten Fall konstruktiv auf die jeweiligen Filme auswirkt. Darüber ins Gespräch zu kommen, war allerdings nur bedingt möglich. Die Konflikte wurden eher indirekt deutlich.

Dorothea Neukirchen war die einzige, die von einer konstruktiven und intensiven Zusammenarbeit mit ihren meist jüngeren Kursteilnehmerinnen sprach. Sie bescheinigte den jungen Frauen, daß es ihnen weder an handwerklichen Fähigkeiten noch am Sachverständnis oder ähnlichem mangelte, sondern nach wie vor an der Fähigkeit, sich zu verkaufen.

Ihrer Meinung nach sei es heute insgesamt schwe rer, eigene Themen zu verwirklichen. Rückblickend stellte sie fest, daß es damals wenige Frauen in der Film- und Fernsehwelt gab, die aber von einer allgemeinen Aufbruchstimmung und einer großen starken Solidarität untereinander getragen wurden. In den 70er Jahren sei es tatsächlich möglich gewesen, die Themen zu verwirklichen, die einem am Herzen lagen. Heute müßten sich alle viel mehr dem Markt anpassen.

Helke Sander widersprach energisch und führte zwei Filmprojekte an, die sie damals vergeblich in verschiedenen Redaktionen unterbringen wollte (Rote Tage – Eine Kulturgeschichte der Menstruation / Geviertelt oder am Stück – Ein Film über alle Körperteile, die jemals zum Objekt der Verstümmelungen an Frauen geworden sind). Diese Themen seien so sehr tabuisiert gewesen, daß sie erst heute eine Chance hätten.

Dennoch waren sich die drei versierten Filmemacherinnen einig, daß sich die allgemeinen Produktionsbedingungen nicht verbessert haben. Claudia von Alemann bekräftigte, daß ihrer Ansicht nach die neu entstehende Medienwelt, die extreme Konkurrenz und die immer kürzer werdende Ausbildung im Medienbereich zu einer unerträglichen Situation führten. Sie faßte zusammen: „Ein Leben als Filmstudentin wäre für mich heute ein Alptraum.“

Weiterhin sprachen sowohl Claudia von Alemann als auch Helke Sander von den schlechten bis skandalösen Bedingungen an den Hochschulen und der undankbaren frauenpolitischen Gremienarbeit. Trotz jahrelanger Kämpfe für mehr weibliche Lehrbeauftragte und Professorinnen bliebe der Erfolg aus. An der FH in Dortmund sei es z. B. in 10 Jahren lediglich einmal gelungen, eine Professur an eine Frau zu vergeben. Claudia von Alemanns Beharrlichkeit in Bezug auf frauenspezifische Hochschulpolitik löse unter Kollegen mittlerweile völlig irrationale Reaktionen aus. Sie sprach sogar von Haß, der ihr entgegenschlüge und davon, daß sie als ‘blöde Feministin’ und ‘Horrorgestalt’ beschimpft werde. Es sei tausendmal schlimmer als vor zwanzig Jahren.

Die zweite unbefriedigende Entwicklung, von der Claudia von Alemann sprach, betrifft die Medienlandschaft im allgemeinen. Was heute als Medienberuf bezeichnet werde und in Schnellkursen vermittelt zum Medienfachmann führe, halte sie für extrem fragwürdig.

Zur Verzweiflung bringe sie aber die Arbeit mit den Studierenden, die sich eben jener Medienwelt verschrieben haben. Sie sprach von einer extremen Diskrepanz zwischen dem, was sie für filmgeschichtlich relevant hält und dem, was die Studierenden sehen und lernen wollten. Ihre Begeisterung für expressionistische Filme, Griffith oder die frühen Surrealisten werde nicht nur nicht geteilt, sondern nicht einmal zur Kenntnis genommen und diskutiert. Sie gerate in eine Konfrontation, die keine inhaltliche oder ästhetische Auseinandersetzung ermögliche, sondern nur noch psychologisch zu lösen sei. Sie treffe auf Blockaden, die nichts mehr hindurchliessen.

Eine Art Blockade bestimmte auch dieses Podium. Es kam zu keinem Austausch über die persönlichen Vorbilder und Vorstellungen der Filmemacherinnen. Ein Blickwechsel zwischen den Teilnehmerinnen dieser Runde kam nur sehr sporadisch und oberflächlich zustande.

Maike Höhne, Filmstudentin an der HBK Hamburg, stellte die These in den Raum, daß die Motivation und die Themen von Frauen in den 60er und 70er Jahren mit der politischen Bewegung und dem sozialen Umfeld zu tun hatte. Darin liege der Unterschied zu jüngeren Generationen, denn heute oder in den 90ern seien die Leute von der Technobewegung geprägt. Sie hätten eine ganz andere Motivation, sich zu verbinden, sich zu treffen und etwas entstehen zu lassen. Das habe natürlich auch eine ganz andere Ästhetik zur Folge. Von sich selber sagte sie, daß ihr vor allem die Ästhetik, die Bilder wichtig seien, die ein Gefühl vermittelten. Wenn sie sich die frühen Filme der Frauen ansehe, habe sie den Eindruck, daß der Inhalt viel wichtiger als die Form gewesen wäre. Helke Sander widersprach zwar vehement, ging aber nicht auf das angesprochene Verhältnis von Inhalt und Filmsprache ein. Vielmehr verwies sie auf ihre Funktion als Professorin, die für die Vermittlung von Handwerk zuständig sei. En passant bemerkte sie lediglich, daß ihr vieles, was sie an den Hochschulen zu Gesicht bekäme, einfach zu beliebig sei.

Die Moderatorin Hildegard Westbeld fragte immer wieder nach, ob das so oft eingeforderte Networking unter Frauen an den Hochschulen funktioniere oder überhaupt zustande käme.

Maike Höhne versuchte, den Faden aufzunehmen. Sie war vor fünf Jahren an die HBK Hamburg gegangen, u. a. weil dort Helke Sander lehrt. Aus ihren Andeutungen ließ sich folgern, daß sie sich und ihre Arbeiten von Helke Sander nicht akzeptiert und verstanden fühlte. Deshalb habe sie sich anderweitig orientiert und sei zu einem Kollegen gegangen. Mit Helke Sander hätte sie sich lediglich auf der hochschulpolitischen Ebene getroffen. Auf der ästhetischen und filmischen seien sie nicht zusammen gekommen.

Helke Sander entgegnete, daß es ihr gar nicht darum ginge, „sich irgendwo zu treffen“. Sie sehe sich in ihrer Funktion als Professorin für die Lehre verantwortlich, die zu gewährleisten unter den gegebenen strukturellen Bedingungen der Hochschule schwierig genug sei. Ihr ginge es zunächst um die Vermittlung von Handwerk. Tatsache sei, daß am Ende der Ausbildung, bei fast paritätischer Anzahl von Studentinnen und Studenten doch überwiegend Männer Förderungen bekämen und in Sendeanstalten Fuß faßten. Sie fügt hinzu: „Das hat auch damit zu tun, wie das Studium begriffen wird und wie dieser Punkt begriffen wird: was gelernt wird, was diskutiert wird, was akzeptiert wird. Daß es überhaupt so etwas geben muß wie lernen.“

Nic Nagel, Filmstudentin der Akademie Ludwigsburg, pflichtete bei, daß an der Akademie Handwerk gelehrt werden sollte und nicht Geschmack oder Stil. Maike Höhne widersprach: „Das Technische und den ganzen Quatsch kann ich sowieso lernen. Was mich an der Schule interessiert, ist die inhaltliche Ausseinandersetzung. (Was sich für die einzelnen hinter den Begriffen ‘Technik’, ‘Handwerk’, ‘Inhalt’ und ‘Ästhetik’, ‘Stil’ und ‘Geschmack’ verbarg, blieb bei dieser Art Schlagabtausch im Dunkeln.)

Vielleicht hatte die seltsame Stimmung oder Verstimmung auf dem Podium doch auch mit dem zu tun, was Dorothea Neukirchen eingangs angesprochen hatte: „So gesehen kann ich jede Filmemacherin verstehen, die zwar einerseits etwas von der Generation davor lernen will, sich aber gleichzeitig absetzen muß. Und ich verstehe auch, warum das jetzt auf einem Frauenpodium der Fall ist, weil das Vexierbild zwischen Müttern und Töchtern nochmal ein verzahnteres und schwierigeres ist, als das zwischen Vätern und Söhnen.“

Zum Schluß des Podiums kam das Gespräch noch einmal auf diesen Aspekt zurück. Gabriele Goebel sprach erneut von den notwendigen Netzwerken und wunderte sich, daß erfahrene Filmfrauen so große Schwierigkeiten mit ihrer Rolle als Vorbild hätten. An dieser Vorbildfunktion sei nichts Arrogantes oder Negatives. Im Kontext des von ihr für notwendig erachteten Mentorships der erfahrenen Filmemacherinnen und Professorinnen ergänzte sie: „Ich finde es wichtig, bemuttert zu werden und bemuttern zu können.“ Das bedeutete, daß sie es für genauso wichtig erachte, einen eigenen Film zu machen, wie den Studentinnen zu ihren Filmen zu verhelfen.

Das Stichwort ‘Mutter’ löste heftige Reaktionen aus. Helke Sander widersprach: „Ich bin ja gerne Mutter. Aber ich bin nicht Mutter von den Studentinnen. Und da lege ich auch großen Wert darauf. Wenn, dann bin ich eine Filmemacherin, ich bin Regisseurin, Autorin, ich bin alles mögliche, aber ich bin nicht die Mutter. Genau diese Rolle lehne ich ab. Ich bin nur die Mutter meines Sohnes.“ Die Filmemacherin Kerstin Stutterheim aus dem Publikum bestätigte Helke Sanders Haltung. Sie sei über eine gewisse Distanz zu ihren ehemaligen Professoren sehr froh gewesen.

Mit einer anderen Frage bezog sich Kerstin Stutterheim noch einmal auf den ‘schrecklichen Titel’ dieses Podiums. Nach dreißig Jahren, die sie in der DDR gelebt habe, sei sie zunächst erstaunt, „wie wenig Kommunikation zwischen den Generationen auf dem Podium möglich scheint.“ Sie fügte hinzu, daß sie in der Filmlandschaft der Bundesrepublik öfter erlebt habe, daß man bei den Namen Helke Sander und Claudia von Alemann zurückschrecke. Merkwürdige Bemerkungen oder Zuschreibungen gingen durchaus in Richtung ‘Schreckbilder’. Sie verwies diesbezüglich noch einmal auf das zuvor angesprochene Gedächtnis der Branche. Helke Sander erzählte daraufhin, daß sie nun seit 35 Jahren mit Helma Sanders-Brahms verwechselt würde. Schließlich sei man dazu übergegangen, zu fragen, ob die Hübsche gemeint sei – das sei Helma Sanders-Brahms gewesen – oder die ‘Schwanz-ab-Sander’. „So hat man uns damals bezeichnet. Und ich war auch damals ganz zivil.“

Vielleicht erklärt sich so, warum der Podiumstitel eine so gravierend negative Wirkung hatte. Die Podien waren eigentlich dazu gedacht, diese Art von Klischees zu hinterfragen. Ich persönlich bedauere es, daß es nicht zu einem konkreteren Austausch von filmischen Vorstellungen und Vorbildern, Idealen und pragmatischen Ansätzen gekommen ist. Vielleicht läßt sich das unter einer weniger mißverständlichen Überschrift nachholen.

 

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