25th Kassel Documentary Film & Video Festival-
November 11 - 16, 2008
The 25th Kassel Documentary Film and Video Festival (November 11 to 16,
2008) invites all artists, filmmakers, producers, distributors, gallery
owners, universities and institutions to submit latest works and projects
to the different sections of the festival program.
Im November 2005 wurde der 12-jährige Ahmed durch einen Kopfschuss getötet. Er lebte mit seiner großköpfigen Familie im westjordanischen Flüchtlingslager Jenin und war im Begriff, anlässlich des Ramadanfestes eine Krawatte zu kaufen. Dabei traf er auf zwei Freunde, die mit Spielzeuggewehren herumliefen. Die Jungen begannen Krieg zu spielen, doch aus der Fiktion wurde plötzlich schreckliche Realität. Denn just zur selben Zeit war eine Abteilung der israelischen Armee zwecks einer Razzia in Jenin unterwegs. Üblicherweise erfolgen Unternehmungen dieser Art nachts, um die Zivilbevölkerung zu schonen, doch dieses Mal war es anders. Ein Scharfschütze hielt den Knaben für einen Terroristen und das Plastikspielzeug in seinen Händen für eine echte Kalaschnikow. Für Ahmed kam jede Hilfe zu spät. Umso überraschender war die Haltung seiner Eltern, Ismael und Abla Khatib, die sich wider Erwarten bereit erklärten, die Organe ihres Sohnes zur Spende an israelische Kinderpatienten freizugeben. Sowohl religiöse als auch weltliche Autoritäten gaben ihre Zustimmung. Ein Jahr darauf macht sich Ismael auf, drei der betroffenen Familien zu besuchen. Der Dokumentarfilm „Das Herz von Jenin“ des Deutschen Marcus Vetter und des Israelis Leon Geller beleuchtet diese Reise sowie die vorangegangenen Ereignisse, die weltweit Schlagzeilen machten. Ihnen ist ein formal souveränes Werk gelungen, das allerdings überhaupt nicht - wie behauptet - dazu beitragen wird, „Vorurteile abzubauen“. Eher das Gegenteil ist der Fall.
Auf der Berlinale 2007 begegneten sich Vetter und Leon zum ersten Mal. Bald entschloss man sich zu einer Zusammenarbeit und teilte die Aufgaben. Geller sollte vor Ort drehen, während Vetter den Schnitt übernahm. Dramaturgie und visuelle Gestaltung sind superb geraten. In medias res beginnend, vergehen einige Minuten, bis der mit der Sachlage unvertraute Betrachter wesentliche Informationen erhält. Archivaufnahmen, etwa aus Nachrichtensendungen, fügen sich fließend in das eigene Material ein, während Nadav Heksekmanns Kamera sich erfolgreich um ausdrucksstarke Bilder bemüht. Besonders eindrucksvoll gelungen sind ihm die Ansichten eines Beduinenjungen, der - dank Ahmeds Organen endlich gesundet - seinem Bewegungsdrang freien Lauf lässt und mit seinem Rad durch den Sand rast. Inhaltlich liegen die Dinge jedoch anders: Die zentrale Stelle ist jene, an der Ismael Khatib seine wahren Intentionen darlegt. Für ihn ist die Spende der Organe seines Sohnes eine Form des subtilen Kampfes gegen den Staat Israel. Trotzig mutmaßt er, am liebsten sei den jüdischen Mächtigen ohnehin gewesen, er hätte sich in die Luft gesprengt, doch stattdessen hätte er sie mit einer unerwartet „menschlichen“ Tat provoziert. Man muss sich diese Äußerungen erst einmal durch den Kopf gehen lassen, um ihre Tragweite vollends zu erfassen. Ein Akt zunächst bewundernswerter Menschlichkeit entpuppt sich plötzlich als Instrument des Kampfes, wenn auch mit anderen Mitteln. Von hier an steht der Film plötzlich auf tönernen Füßen. Zudem bleibt die folgende Reise recht ergebnislos, besonders der Besuch bei einer stocksteifen, religiös verblendeten jüdisch-orthodoxen Familie gerät zur Qual.
SWR2, 19.06.2009,
22.33 Uhr,
Hörspiel-Studio' Peymannbeschimpfung Von Helgard Haug und Daniel Wetzel (Rimini Protokoll)
Regie: Helgard Haug
und Daniel Wetzel
Produktion: DLR Kultur 2007
Länge: 55 Minuten
in Kooperation mit dem Schauspiel Stuttgart, dem
Landesarchiv Baden-Württemberg und dem Staatsarchiv
Ludwigsburg 1977.
In Stuttgart-Stammheim sitzen die Leitfiguren der
RAF: Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe.
Im Stuttgarter Staatstheater sitzt ein Intendant: Claus
Peymann. »Der wackere Hausarzt Maurer« hatte bei den RAF-
Terroristen und Stammheim-Insassen umfangreiche
Zahnbehandlungen vorgenommen, die weder privat noch
staatlich gedeckt werden konnten. Darum entwarf Gudrun
Ensslins Mutter ein Bittschreiben an 50 prominente
Deutsche, in dem sie aufforderte, Geld für die Behandlung
zu spenden. Als der Brief Peymann auf den Schreibtisch
flatterte, hängte er ihn ans Schwarze Brett des Theaters
und spendete selbst 100 Mark. Als die Medien davon Wind
bekamen, startete eine hysterische Berichterstattung -
und Peymann erhielt rund 600 Reaktionsschreiben: von
solidarischer Anerkennung, Lob, kritischer Distanzierung
über den Vorwurf der Profilneurose und Beschimpfungen,
bis hin zu Verurteilungen und Morddrohungen. Diese Briefe
machen Volkes Stimme hörbar und bilden einen präzisen
Querschnitt durch die Stimmungslage der Nation im Herbst
1977.