Petra L. Schmitz: Der Dokumentarfilm
und das Fernsehen
Zusammenfassung der Podien: Produktionsbedingungen
Am zweiten Tag passierte es. War vorher über
individuelle Erfahrungen mit dem Filmemachen, mit den
Protagonistinnen der Filme, mit der Kamera, mit Themen
und Zugängen und deren Wirkungen die Rede gewesen,
so gerieten ab dem Podium Blick zurück nach vorn
auch die Produktionsbedingungen des Fernsehens in den
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dort blieben sie dann
bis zum Ende der Tagung. Dies nimmt nicht wunder, ist
das Fernsehen doch noch der Hauptauftraggeber für
die Produktion von Dokumentarfilmen. Ästhetische
und thematische Diskussionen, die weiterhin auf der
Tagung stattfanden, ließen sich nicht trennen
von den Bedingungen, die dieses Medium (und darin die
handelnden Personen) für die Arbeit der Dokumentaristinnen
wie Dokumentaristen zur Verfügung stellt.
Die Spanne von über 30 Jahren mit
Rückblicken auf die 50er Jahre (Podium Blick zurück
nach vorn) ließen dabei durchaus Vergleiche zur
Situation des Fernsehens zu. Nicht in dem Sinne, dass
früher alles besser gewesen, sondern eher zeigten
sich dessen strukturelle Änderungen, die das Filmemachen
heute massiv beeinflussen. Spannend war zu hören,
wie Redakteurinnen und Filmemacherinnen diese Bedingungen
erlebten und heute erleben. Ich versuche hier einige
Schlussfolgerungen zu ziehen, die durchaus subjektiv,
vielleicht auch überzogen sind, die aber die Diskussion
weiter anregen sollen.
1. Redaktion heißt: dienen
an anderen, so kompetent wie möglich (Dr.
Elisabeth Schwarz)
Ich habe im Paradies gelebt begann
Dr. Elisabeth Schwarz, bis 1985 Abteilungsleiterin
des Familienprogramms im Stuttgarter SDR, ihre Ausführungen
zur Fernseharbeit. Die Situation des öffentlich-rechtlichen
Fernsehens seit seinen Anfängen, bevor die Konkurrenz
mit den privaten Anbietern alles veränderte, war
gewiss paradiesisch. Auffällig war in ihren Berichten
jedoch die unbedingte Konzentration auf das Programm
als Ziel aller Bemühungen. Auch sie konnte von
Veränderungen erzählen: der Ausweitung der
täglichen Sendezeit, der Entstehung von Zielgruppenprogrammen,
die Mehrbelastung mit sich brachten. Aber sie war immer
auf der Suche nach AutorInnen, ihnen galt die unbedingte
Stützung zum besten des Programms, d.h. sie durften
Fehler machen, hatten Ruhe, Themen und Formen auszuprobieren.
Auch Sibylle Hubatschek-Rahn (bis 1999
Redakteurin) machte deutlich, dass die Erfolge des
Kleinen Fernsehspiels im ZDF für die Entwicklung
dokumentarischer Formen im Fernsehen mit einer intensiven
Stützung der Autorinnen verbunden war. Und mit
einer Risikobereitschaft, die geradezu davon ausging,
dass sie vorher nicht wusste, wie ein Film wird. Dennoch
war jeder Film der Unterstützung sicher und die
Mühe wert das ging bis zu Anleitungen an
den Intendanten, wie er denn ein neues Filmprojekt bitte
schön zu bewerten und zu sehen hätte.
Und Claudia von Alemann berichtete, natürlich
habe es auch in der Vergangenheit Auseinandersetzungen
mit der Redaktion um einzelne Filme gegeben, aber es
sei immer eine Basis da gewesen.
Wie lassen sich dagegen Ausführungen
der Filmemacherinnen zur heutigen Situation verstehen?
Sie erzählten, dass inzwischen Entscheidungsprozesse
in den Sendern schier endlos verlaufen, die Redaktionen
kaum noch selbst über Filme entscheiden können,
wochenlange Ungewissheit auf das Einreichen eines Exposés
folgt und das direkte Gespräch mit der Autorin über
einen Film selten gesucht wird.
Gefragt sind heute die AutorInnen, von
denen die Redaktionen wissen, welche Arbeiten sie abliefern.
Die Risikobereitschaft, sich auf unbekanntes Terrain
zu begeben, tendiert gegen Null (in der Regel, Ausnahmen
gibt es immer noch). Die Energie der Redakteure,
sich für einen Film einzusetzen, nimmt so ab wie
die Sendeplätze (Kerstin Stutterheim).
Martina Zöllner, Redakteurin für
Dokumentarfilme beim SWR, meinte, sie erfahre im Gespräch
auf dieser Tagung vor allem, wie sehr die Redaktionen
zwischen AutorInnen und dem Sender stehen. Es gebe
die festen Quotenvorgaben der Sender für einzelne
Sendeplätze, es gebe weiterhin die Aufforderung,
jüngere Zielgruppen an den Sender zu binden, was
mit Dokumentarfilmen (so sagt es zumindest die Medienforschung)
nicht gelinge.
Dass die Sender feste Quoten vorgeben
für einen Sendeplatz, ist nichts Neues, und die Quotenfixiertheit der
Sender war ein gängiger Vorwurf der Tagung, der
so auch auf anderen Treffen zu hören ist.
Konsequent weitergedacht und vor allem
im Kontrast zu den Aussagen über frühere
Jahre überdeutlich wurde jedoch: Das Programm
selbst steht nicht mehr im Zentrum der Bemühungen,
sondern die Quote, die damit erzielt wird. Das Programm,
so ließe sich vermuten, ist sozusagen egal. Die
Programmwirklichkeit in den meisten Sendern beweist
dies täglich. Dazu passten fast verwunderte Äußerungen,
dass doch immer wieder gute Produktionen im Programm
zu finden sind unvermutet und überraschend.
Die Basis, auf der Filmemacherinnen und RedakteurInnen
früher miteinander verhandelten, nämlich
eine gute Produktion abzuliefern, die für sich
steht, mit eigenen Aussagen und Themen, ist diesen
Aussagen zufolge nicht mehr oder kaum mehr vorhanden.
Dies ist allerdings eine Situation, mit der sich Filmemacherinnen
nicht abfinden wollen und können das machten
sie auf der Tagung mehr als deutlich.
2. Ich habe versucht, jedes Projekt
von einer Frau durchzusetzen, egal ob ich es gut fand
oder nicht (Sibylle Hubatschek-Rahn)
Über den Produktionsbedingungen
geriet die spezifische Situation der Filmemacherinnen
in den Hintergrund. Ausgangspunkt der Tagung war die
historische Situation nach 1968, in der zum ersten
Mal zahlreiche filmende Frauen auftraten.
Sibylle Hubatschek-Rahn berichtete, dass
der Anteil von 30 % Filmen von Frauen im Kleinen Fernsehspiel
etwa seit den 80er Jahren schon den Eindruck hervorgerufen
habe, als würden nur noch Filme von Frauen angenommen.
Dass aber die Aufmerksamkeit für die Arbeiten
von Filmerinnen angebracht war, um ihre Arbeitsbedingungen überhaupt
zu verbessern. Auch Gabriele Röthemeyer, Geschäftsführerin
der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg,
wies darauf hin, dass die Besetzung von Juries mit
Frauen, andere Themensetzungen und eine andere Auswahl
mit bedingt. Von daher sei die Aufmaerksamkeit für
die Besetzung der Auswahljuries bei der Filmförderung
nach wie vor nicht zu vernachlässigen.
Die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen
im Fernsehen ließ eine Forderung nach besonderer
Berücksichtigung von Arbeiten filmender Frauen
auf dieser Tagung nicht mehr aufkommen. Statt dessen
war von Normalisierung die Rede, Konkurrenz wie Kooperation
unter Filmerinnen sind an der Tagesordnung, Unterschiede
zum Umgang mit den männlichen Kollegen kaum noch
zu bemerken. Heisst das, so wäre im Nachhinein
der Tagung zu fragen, für die Filmerinnen ist
alles in Ordnung, nur die heutige Situation des Fernsehens
für den Dokumentarfilm ist schlecht?
3. Das Fernsehen braucht den Dokumentarfilm (Dr.
Luc Jochimsen)
Forderungen nach der Toleranz für
Minderheitenprogramme, für das Randständige,
für ungewohnte Ästhetiken und Themen, waren
oft auf der Tagung zu hören.
Beate Schönfeldt, Redakteurin des
MDR, berichtete, sie betreue Dokumentarfilme immer
so, dass ihnen auch die Aufmerksamkeit auf Festivals
und in der Presse ermöglicht werde. Das Fernsehen
produziert zwar, aber der Kommunikationskontext und
die Wertschätzung für einzelne Filme werden
außerhalb des Fernsehens hergestellt. Ihre Forderung,
dass Dokumentarfilme auch dramaturgische Betreuung
benötigen (das wird in den Sendern nicht
gerne gesehen), machten noch einmal deutlich,
dass die redaktionelle Konzentration auf den einzelnen
Film eher zur Ausnahme geworden und nur gegen Widerstände
realiserbar ist.
Während des Gesprächs über
dokumentarische Formen im Fernsehen mit Luc Jochimsen
und mir, sah das Publikum einen Gegensatz zwischen
journalistischem und dokumentarischem Arbeiten. Das
Bestehen auf sorgfältig gemachten Bildern sei
immer noch Merkmal des Dokumentarischen, während
das schnelle, aktualitätsbezogene Abdrehen von
Bildern, die im umfangreichen Nachrichtensegment des
Tagesprogramms benötigt und abgespult werden,
sich zunehmend als die einzige Form des journalistischen
Arbeitens präsentiere. Klar war, dass Luc Jochimsen
als Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks dennoch
auf die Professionalität vieler Nachrichtenbilder
hinwies. Deutlich wurde aber auch, dass die Verbindung
von dokumentarischem und journalistischem Arbeiten,
die in der Frühzeit des Fernsehens noch zu eigenständigen
Stilbildungen führten (wie bei Panorama oder Zeichen
der Zeit) sich heute nicht mehr entwickeln darin
waren sich alle Beteiligten einig. Luc Jochimsen, die
selbst Fernsehdokumentationen dreht, betonte, dass
dokumentarisches Arbeiten im Fernsehen notwendig bleibe,
weil ästhetische Innovationen für das Fernsehen
vielfach von diesem Genre ausgehen.
Die Tagungsdiskussion, die sich vor allem
um die Bedingungen der Zusammenarbeit zwischen Redaktionen
und Autorinnen drehte, befand sich damit, ihrer Meinung
nach, auf einem zu schmalen Grat. Ihre Konsequenz:
die Rückgewinnung des Kulturauftrages des Fernsehens
muss als gesellschaftliche Diskussion geführt
werden.
Am Ende der Tagung ließen sich
zwei Positionen zum Umgang mit dem Fernsehen identifizieren.
Monika Treut bedauerte zwar, dass das
Fernsehen seinen Kulturauftrag schon aufgegeben habe.
Es sei jedoch möglich, mit billigeren Produktionsmitteln
eigene Filme ohne die üblichen, mit der Fernseharbeit
verbundenen Kompromisse zu drehen. Die laufen dann
auf Festivals, finden ihr Publikum und werden dann
auch vom Fernsehen gekauft. Andere Teilnehmerinnen
berichteten von der Möglichkeit, mit Sponsorengeldern
Filme zu drehen.
Gabriele Voss machte dagegen deutlich,
dass es noch nie einfache Bedingungen für die
Produktion von Dokumentarfilmen gegeben habe nicht
im Fernsehen, nicht bei der Filmförderung. Nostalgie
sei nicht angebracht, das politische Eintreten für
die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der
Filmförderung wie im Fernsehen sei weiterhin
nötig.
Die Mehrzahl der anwesenden Dokumentarfilmerinnen
sahen das Fernsehen noch als ein Medium an, in dem
sie ihre Filme und produzieren und sehen wollen. Zur
Bereitschaft, für das Fernsehen zu arbeiten, gehört
geradezu die kritische Beobachtung des Programms und
die Frage nach den strukturellen Bedingungen (Martina
Döcker) für den Dokumentarfilm.
Die Diskussion machte ebenso deutlich,
dass diese Bereitschaft, die eigenen Filme und die
Bedingungen der Fernseharbeit zu integrieren, auch
abnehmen kann. Die Suche nach anderen Finanzierungsquellen
und Verbreitungsmöglichkeiten, beides gefördert
durch neue Techniken hat schon begonnen ... |